Association italo-suisse pour la sauvegarde des intérêts du Col du Grand-Saint-Bernard

Die Geschichte des Passes


Geschichte bis Napoleon
Geographische Lage vom Grossen Sankt Bernhard
Werfen Sie einen Blick auf die Landkarte. Hier sehen Sie die lange Alpenkette. Man könnte beinahe den Eindruck bekommen, sie tei­le Europa von Osten nach Westen entzwei. Einzelne Pässe gewäh­ren uns diese Verbindung zwischen Norden und Süden. Einer die­ser Verbindungswege ist der Grosse Sankt Bernhard. Schon lange und von jeher war er einer der wichtigsten dieser Verbindungswe­ge. Der älteste Name dieses Passes und seiner Umgehung war: Mons Jovis = Berg des Gott Jupiter. Aber der Name ist schon römisch. Um diese Zeit und schon früher hiess der Pass Mons Penninus. Viele wollten in dieser Benennung einen Beweis finden für die schwierige Reise des Karthagers Han­nibal über diesen Pass. Es ist ohne Zweifel sicherer, den Ursprung dieses Namens mit dem gallischen Ausdruck Penn für die Passhö­he zu verbinden. Die ältesten Reiseberichte bezeichnen den Pass mit dem Namen «auf der Höhe des Pennins». Im Mittelalter kam die Bezeichnung Jupiterberg auf. Der Name Sankt Bernhard wurde ihm seit dem 12. oder 13. Jahrhundert ge­geben. Auf 2472 m Meereshöhe wird der Pass im Westen von der Chena­lette. im Osten vom Mont-Mort und im Süden vom Pain-de-Sucre beherrscht. Mit einem Sessellift gewinnt man einen weiten Hori­zont. Im Osten liegen der Combin und der Vélan, im Westen der Mont-Blanc und die ganze Grenzkette. im Suden das Massiv des Gran Paradiso. Die Lage des Passes setzt den Ort einem beständigen­ Windzug aus und die Temperatur variert zwischen —30 und +19 Grad. Der jährliche Schneefall erreicht zeitweise mehr als 20 m.

Die Geschichte des Passes
Die Mengen keltischer Münzen, die auf dem Pass gefunden wur­den. sind die ersten geschichtlichen Zeugen für die Benützung des Bergüberganges. Im IV. vorchristlichen Jahrhundert warfen sich die Gallier Brennos von diesem Pass auf Italien. Mit dem Eintritt der römischen Zeit werden die Zeugen viel zahl­reicher: Geldstücke, Statuetten, Votivtafeln usw. Die Existenz ei­nes Tempels vor der christlichen Zeitrechnung ist glänzend belegt: ein Tempel, Jupiter geweiht. dem der Titel Penninus beigelegt wurde, was eine Verbindung der römischen mit der keltischen Zeit bedeutet. Die römische Besetzung geschah im Jahre 20 vor Chri­stus. Kaiser Augustus erbaute die Römerstrasse schon im Jahre 12 vor Christus. Im Jahre 47 nach Christus baute sie Kaiser Claudius mit Pflastersteinen aus. Davon zeugen heute noch zwei echte Stücke dieser Strasse. Ein Stück befindet sich auf dem Plan-Jupiter sichtlich in den Felsen eingehauen, das andere Stück auf der Nordseite beim Ausgang der «Todeskumme». Diese Strasse, wie übrigens al­le Römerstrassen, war mit Meilensteinen bezeichnet. Heute gibt es noch zwei davon: einer, der vermutlich der erste ist, befindet sich in Martigny. Der zweite, der die 24. Meile von Forum Claudii (heutiges Martigny) anzeigt, befindet sich in Bourg-Saint-Pierre. Drei bis vier Jahrhunderte bleibt der Jupiterberg ein Hauptübergang des römischen Reiches und teilt dessen Geschicke. Seine Be­deutung ist ersichtlich aus der Zahl von Münzen, die gefunden wurden. Es ist eine interessante, beachtenswerte Tatsache, dass von Augustus bis Theodosius nicht ein einziger Kaiser fehlt. Neben dem Tempel waren zwei weitere Häuser errichtet für die Pass­gänger. Die Einfälle der Barbaren, welche die Römer zurücktrie­ben, waren der Grund des Zerfalls dieser Gebäude um 400. Von dieser Zeit an war diese gefürchtete Strasse für Pilger und Handelsleute, die darauf weiterzogen ,wegen natürlicher Hinder­nisse und der grausamen Beherrscher nicht mehr gefahrlos. So wurde im Sommer 972 S. Maiolus, Abt von Cluny, bei Orsières ge­fangen genommen und erhielt seine Freiheit nur gegen ein hohes Lösegeld zurück. Niemand konnte ohne eine Abgabe über den Engpass des Jupiterberges ziehen. Endlich gegen Ende des IO. Jahrhunderts, unter savoyardischer Herrschaft, werden die Alpen von ihren wilden Wächtern befreit, die Sicherheit kehrt zurück und auf dem alten Passübergang er­blüht neues Leben.

Von Hannibal bis Napoleon
Müsste man alle Persönlichkeiten aufzählen, die im Laufe der Zeit ihre Spuren diesem geschichtlichen Übergang eingeprägt haben. würde man solche in allen Jahrhunderten finden. Hannibal selbst würde ihre Reihe eröffnen. Aber die Tatsache ist sehr unsicher. Der Kleine Sankt Bernhard und der Mont-Cenis eigneten sich bes­ser für ein solches Unternehmen. obwohl man zugeben kann, dass der Übergang sich über verschiedene Pässe erstrecken konnte. ge­rade auch über den Grossen Sankt Bernhard. Die Römerzeit sah zweifellos viele Heerführer und sogar Kaiser über den Berg steigen, um nach Germanien zu gelangen, bis sie ihrerseits von den Barbaren verjagt zurückgetrieben wurden. Später sind es die Franken, die den Pass überstiegen, unter diesen Karl der Grosse bei der Rückkehr von der Krönung in Mailand im Jahre 800. Zahlreich sind die Päpste: Stephan II. 753. Leo IX. 1049, Eugen III. 1148. Klemens V. 1306 und noch andere, die auf diesem Wege die Berge überstiegen. Auch andere Kaiser reisten über den Fass, unter diesen Sigismund 1414. Im Jahre 1434 ließ der Herzog Amadeus VIII. eine Bombar­de und einige Geschütze über den Berg bringen, ein unerhortes Ereignis für die damalige Zeit. Wahrend des Burgunder Krieges geschahen zahlreiche Truppenverschiebungen über den Berg und es kam auch zu blutigen Zusammenstössen. 1501 wurde eine ganze Kompanie Schweizer Soldaten Opfer einer Lawine. Wahrend der franzosischen Revolution benutzten zahlreiche Flüchtlinge. die von den Terrorregierung vertrieben waren. den Bergübergang. Von 1797 bis 1802 war der Pass beständig von fran­zösischen Truppen besetzt, die zu Tausenden nach Italien zogen.
Einer der letzten Übergänge und auch der glorreichste, der am meisten Aufsehen erregte, war jener des ersten Konsuls am 20. Mai 1800. Die Reservearmee, die er aufstellte. um die Ostreicher plötz­lich von der Seite zu überfallen, zählte 40000 Mann, 5000 Reiter, 50 Kanonen und 8 Haubitzen.
Die Uberführung der Artillerie erfolgte mit grossen Schwierigkei­ten. Die Kanonen wurden in ausgehöhlte Baumstämme gelegt und diese von Hand gezogen. Es brauchte acht Tage für die Überfahrt des ganzen Heeres. Die Soldaten erhielten im Hospiz einer nach dem andern Verpflegung. bevor sie den Marsch nach Italien fortsetzten. dem Sieg entgegen. Napoleon I. auf einem Maultier, geleitet vom Führer Peter Nikolaus Dorsaz. ging am Vormittag des 20. Mai vorüber.
Die letzten Truppen. die über den Pass gingen, gehörten zum öst­reichischen Heer. welches die französischen Truppen zurücktrieb. es war die Division Frimont, 4000 Mann stark, im Mai 1814. Von dieser Zeit an bis zu Ende des Weltkrieges von 1939-1945 hörte man im Hospiz nur mehr den friedlichen Klang der Schweizer Waffen.

Die Kongregation vom Gross-Sankt-Bernhard
Der Gründer: Bernhard von Menthon

Eine Überlieferung, behandelt von Legendenschreibern des 14.-15. Jahrhunderts aber sicher noch viel älter. lässt Bernhard auf dern Schlosse von Menthon am See von Annecy geboren werden. aus einer Adelsfamilie. die seit dem 13. Jahrhundert den Namen von Menthon trägt. Für den Jungmann, der aus einer «fremden Schu­le» mit Lorbeeren bekrönt heimkehrte, bestimmten die Eltern ohne sein Wissen eine Braut aus edler Familie, ausgestattet mit al­len menschlichen Vorzügen und Tugenden. Aber Gott der Herr hatte für Bernhard ganz andere Ziele. Am Vorabend der Hochzeit liess ihn sein heiliger Beschützer Nikolaus auf wunderbare Weise aus dem väterlichen Schlosse. wo er eingeschlossen war, entflie­hen. Der flüchtige Bernhard wurde aufgenommen vom Kapitel in Aosta, wo sein Verwandter Peter Erzdiakon war. Was hat man von dieser Legende zu halten? Man kann darüber nichts Bestimmtes sagen. Es bleibt die Tatsache bestehen. dass kein anderer Ort je die Ehre ansprach, Geburtsort des grossen Helden der Alpen zu sein. Jetzt betreten wir einen geschichtlich sicheren Boden. In den Ka­pitelsarchiven von San Lorenzo in Novara wird eine Handschrift aufbewahrt aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts mit der Abschrift einer Lobrede des Bischofs dieser Diözese von 1123 zur Zeit der Kanonisation Bernhards.
Nach diesem Zeugen entstammte Bernhard einer adeligen Familie, wurde Erzdiakon von Aosta, predigte mit Wort und Beispiel in Berg und Tal und wirkte viele Wunder. Mitten auf einer seiner Wanderungen kam er in Pavia mit Kaiser Heinrich zusammen, der im Begriffe stand, Truppen zu sammeln, um den Papst Gregor abzusetzen und die ewige Stadt gründlich zu zerstören.
Bernhard erschien vor dem Kaiser und redete ihm ins Gewissen, «um ihn von seinem verderblichen Vorhaben abzuhalten.
Wer vermag aber in die Seele der Eroberer einzudringen? Heinrich er­klärte sich nicht einverstanden, und es war zu spät, als er be­dauerte, nicht auf ihn gehört zu haben. Bald nachher starb Bern­hard. Es war im Jahre 1081 oder 1086.
Obwohl der Handschrift von Novara unbekannt, aber von der Le­gende eingeführt, besteht kein Zweifel über die Gründung der Hos-pize auf dem Jupiterberg und bei der Jupitersäule durch den heiligen Bernhard. Die Gründung stützt sich auf eine unerschütterli­che Überlieferung und wird erwähnt in zahllosen Urkunden, so ei­ner von 1149, die ausdrücklich sagt: «die Kirche des hl. Bernhard, erbaut auf dem Jupiterberg».
Übrigens konnte die Sicherheit der grossen Pilgerwege über die Al­pen, die in Aosta zusammenmünden, den Erzdiakon nicht unbe­rührt lassen, denn ihm war die Pflicht zugefallen, Reisende und Pilger zu betreuen.
In der ersten Hälfte des Il. Jahrhunderts fuhren zerstreute Saraze­nenbanden. wie Nebelstreifen in den Bergen versteckt, mit gut aus­gebildeten einheimischen Räubern fort, vorüberziehende Karawanen zu belästigen. Nur mit Klugheit gelang es Bernhard, der sich Prozessionen und Strafexpeditionen anschloss, diese zu vernichten. Die Legende vereinigt diese Einzelfälle in eine einzige, siegrei­che Tat, bei der Bernhard mit Gebet und Stola den Teufel für im­mer gebändigt hat.
Es war aber nicht genug, den Berg vom bösen Feinde zu befreien, es musste dieser auch freundlich gemacht werden für die vielen Reisenden. So wurde Bernhard Bauherr. Weil uns schriftliche Ur­kunden fehlen, müssen wir die Funde zu Rate ziehen. « Das Hospiz wurde nicht in einem Zug erbaut. Der hl. Bernhard benügte sich zuerst mit einem einfachen Haus, versehen mit Zellen für die Mit­glieder der Ordensfamilie. Im Anfang des folgenden Jahrhunderts wurden die Gebäude vergrössert. Das älteste Haus ist im Jahre 1125 erwähnt. Es handelt sich um einen festen Bau mit dicken Mauern von 18 m auf 13,50 m. (Blondel, Das Hospiz vom Grossen Sankt Bernhard).
Der Erzdiakon von Aosta, Gründer und Hüter des Hospizes, erweiterte noch sein Apostolat. Sein Eifer für die Rettung der Seelen und der Kampf gegen den Aberglauben drängten ihn, das Wort Gottes auch in den Nachbardiözesen zu verkünden: Tarentaise. Sitten, Mailand und Novara. In letzterer Stadt gab er seine schöne Seele dem Herrn zurück und wurde dort mit den Ehren begraben, die einem Heiligen gebühren. >Seine Verehrung nahm rasch zu. Bernhard wurde 1123 vom Bi­schof von Novara heilig gesprochen. Sein Name steht im römischen Martyrologium seit 1681. Das Fest wurde auf den 15.Juni festgelegt. Durch ein Schreiben vom 20. August 1923 an den Bi­schof von Annecy bestimmte Papst Pius XI.: «Um beizutragen zur Verehrung eines so grossen Heiligen, der von Anfang an von den Bergbewohnern verehrt wurde, bestimmen wir den hl. Bernhard zum himmlischen Beschützer nicht nur der Bergbewohner und der Besucher der Berge. sondern auch der Bergsteiger.» Schon 1905 hatte man zu seiner Ehre eine Statue errichtet, an der eine Inschrift auf einer Bronzetafel an den unermüdlichen Alpinisten Pius XI. erinnert:
PIUS XI PONT. MAX.
STUDIOSUS OLIM LUSTRATOR ALPIUM
ANNO MDCCCCXXIII
Earumdem Incolis Advenisque
Me Patronum Dedit
Vos Qui Securi Me Praestite Scanditis Alpes
Coelestem Mecum Pergite Adusque Domum

Das Leben im Hospiz
Kaum waren die Fundamente für das Hospiz gelegt, bildete sich eine religiöse Gemeinschaft mit dem Zweck, Gott und dem Näch­sten zu dienen, nach dem Wahlspruch: «Hier wird Christus ange­betet und genährt.» «Da wir vor allem das Reich Gottes suchen und Gott dienen herrschen ist. verordnen wir, dass die Geistlichen im Hospiz die heilige Messe feiern und das Tages- und Nachtsof­fizium zur gegebenen Stunde beten.» (Alte Statuten.). Von allem Anfang an war die Gastfreundschaft höchste Devise der Gemeinschaft vom Grossen Sankt Bernhard. Durch neun Jahr­hunderte hindurch wurden sämtliche Passanten von der Kloster­gemeinschaft kostenlos aufgenommen. Darunter befanden sich Reiche und Arme. Pilger und Arbeiter, Vagabunden und Arbeits­lose um ein Stück Brot bettelnd. Alle wurden liebevoll verpflegt. Gerade in den harten und strengen Wintermonaten konnte man das Apostolat der Nächstenliebe ganz besonders ausüben. Noch vor der Einrichtung des Telefons, bis ca. 1900, sah der Dienst auf dem Berge folgendermaßen aus: Jeden Morgen stieg ein Maron­nier (Knecht), oder ein Chorherr mit einem eigens dressierten Bernhardiner bis zum «Hospitalet» hinunter. Sic trugen immer Proviant mit sich, um den müden und erschöpften Wanderer zu stärken. Die Chorherren vereinbarten mit den Führern von Bourg­Saint-Pierre, sich jeweils zu einer bestimmten Zeit im «Hospita­let» einzufinden. Fand sich niemand dort. ließ man den Proviant Im «Hospitalet» zurück. Diesen täglichen Gang nannte man «die Erkundigungsrunde machen». Das Telefon machte diese tägli­chen Gänge überflüssig. Von jetzt an wartete man auf den telepho­nischen Anruf von der Schutzhütte aus. Bei Lawinengefahr wurde den Passanten der Aufstieg verboten. Durch die Errichtung der beiden mit Telephon ausgerüsteten Schutzhütten («Tronchet» 1917. «Hospitalet» 1921,) vermehrten sich diese Hilfen. Auf der Ita­lienerseite war diese Aufgabe erleichtert. Dort gab es die «Gebirgs-Soldaten». Alle Burschen. Bürger der Gemeinde Saint-Rémy. wa­ren vom Militärdienst befreit, mussten dafür die Leute bis zum Pass hinauf begleiten.Ein Mann, der zweimal eilige Hilfe und Gastfreundschaft der Chorherren genossen hatte, stellt ihnen folgendes Zeugnis aus: «Die Gastfreundschaft ist. außer äußerstem Notfall, ein Rat. Ei­nen Fremden aufnehmen, ist der erste Grad, aber ihm auf der Strasse entgegengehen. um ihn einzuladen, wie Abraham tat, ist ein höherer Grad, noch größer ist, sich der Gefahr auszusetzen, um die Reisenden zu bergen, ihnen zu helfen und zu dienen. Hierin zeichnete sich aus der hl. Bernhard von Menthon, stammend aus dieser Diözese (Annecy). Aus hochadeliger Familie gebürtig, wohnte er einige Jahre in den Tälern und auf den Höhen der Al­pen. Dort sammelte er viele Jünger, mit denen er auf Pilger und Reisende wartete, sie aufnahm, unterstütze und aus Stürmen und Gefahren befreite. die in Schnee und Kälte umgekommen wären ohne die Hospize, die der große Freund Gottes auf den zwei Ber­gen errichtet hat, die nach seinem Namen benannt werden, Großer Sankt Bernhard in der Diözese Sitten und Kleiner Sankt Bernhard im Bistum Tarentaise.» So spricht sich ein Kirchenlehrer aus. der hl. Franz von Sales. Trotz allen Sicherheitsmassnahmen gab es dennoch Opfer. Die grimmige Kälte, Schneesturm, Hunger und die Bergkrankheit be­drohten die Reisenden. Die Lawinen waren nicht die größte Ge­fahr. Die Mitglieder der Ordensgemeinschaft gaben oft ihr Leben hin für ihre Mitmenschen. Das Hospiz bewahrt das Nekrologium, ein Verzeichnis der Ver­storbenen, das man Martyrologium nennen könnte. Hier kann man lesen: am 19. November 1874: «Fünf Chorherren und zwei Knechte zogen aus, um Signalstangen zu stellen und 23 Arbeitern zu begegnen. Auf dem Rückweg begrub eine Lawine die ersten 13 von der Karawane. Zwei Reisende und zwei Chorherren verloren das Leben. Einem von diesen letztern, Chorherr Contard, gelang es, sich mit eigener Kraft zu befreien, da er aber allein war. verkroch er sieh neuerdings unter den Schnee, um dem Sturme zu wi­derstehen. So fand man ihn zwei Tage später lebendig, aber so er­froren, dass er während der Überführung starb.»
Der letzte Mitbruder, der sich geopfert hat, hieß Chorherr Droz. Er war Ökonom im Hospiz. Am 19. November 1951 begleitete er italienische Arbeiter (aus dem Aostatal) bis zur Grenze. Am Baras­son-Pass wurde er von einer Lawine überrascht und starb. Endlich am 8. März 1991 fanden der Chorherr Thétaz und sechs Studenten, den Tod am Fuss des Petit Mont-Mort, da wo seit Menschengedenken keine Lawine herunter gefallen war.

Die Bernhardiner-Hunde
Im Rahmen der Gastfreundschaft und der Hilfeleistung den Rei­senden gegenüber wollen wir die wertvollen Helfer. die Bernhardiner-Hunde, nicht vergessen.
Wer hörte nie von den berühmten Bernhardinern. «die am Hals ein Weinfässchen und auf dem Rücken ein Kind tragen»? Einige Touristen kümmern sich weder um das Hospiz, noch um die Kir­che, das Museum und die Ordensleute. sie sind befriedigt, wenn sie die Hunde gesehen haben. Es ist keine Übertreibung, was man von den Diensten dieser Führerhunde erzählt. Zurzeit, als man noch zu Fuss reiste. waren die größten Gefahren, sich im Nebel oder im Sturm zu verirren und bei der Wanderung im hohen Schnee sich zu erschöpfen. Die Hunde, dank ihrem ausgebildeten Geruchssinn, folgen den Signalstangen. entdecken die Spuren verirrter Wanderer und öffnen im Schnee den Reisenden einen Weg.
Einige Belege. De Saussure schreibt in seinem Werk: Voyages dans les Alpes (1786): «Der Marronnier (Knecht) ist begleitet von einem oder zwei grossen Hunden, die abgerichtet sind, den Weg im Nebel zu finden und in Sturm und tiefem Schnee die verirrten Reisenden zu entdecken.» Um 1800 bietet uns der Chorherr Murith eine ausführliche Beschreibung der Arbeit dieser Hunde: «Ich will nicht märchenhafte Erzählungen bieten. die mit der Zeit erfunden wur­den, um die Klugheit unserer für die Reisenden so nützlichen Hun­de zu preisen. Wir müssen zugeben, dass sie Freunde der Reisen­den sind. Sie bellen in der Ferne und schmeicheln in der Nähe. Ihre Nützlichkeit besteht darin, in großer Tiefe die Piste zu finden, deren Verlust unter einer frischen Schneedecke gefährlich ist. Ande­rerseits haben sie die Aufgabe. unter solchen Umständen und im Nebel die unsichern Schritte des Führers zu lenken, welcher jeden Tag den Wanderern mit Brot, Käse und Wein entgegengeht. um die im Sturm verirrten Reisenden auf den richtigen Weg zurück­zubringen. Endlich sind sie überaus nützlich. indem sie einen Weg im Schnee bahnen und dem Marronnier und den Wanderern den Aufstieg zum Berge erleichtern.»
Ein Name erinnert an diesen Helden des Schnees: Barry... Barry I. wurde nach 12 Jahren harten Einsatzes in den Bergen nach Bern geschickt, wo er in Jahre 1814 starb. Um das Andenken an diesen berühmten Hund hochzuhalten. wurde er ausgestopft und befindet sich jetzt im Naturhistorischen Museum in Bern.
Noch eine Seite aus dem Gästebuch der Reisenden, unter dem Da­tum vom 16. Juni 1956 eingetragen: «Ich bin glücklich, an diesem Tage eine Wallfahrt auf den Grossen Sankt Bernhard ausgeführt zu haben, um nochmals den Chorherren und den braven Hunden zu danken, die mich vor dem sichern Tode gerettet haben. Kaum 12 Jahre alt, im Februar 1897 kehrte ich heim aus Lothringen, wo ich als Kaminfeger gearbeitet hatte. Am vorhergehenden Tage war ich in Neuenburg abgereist, war die ganze Nacht im Zuge und setzte meinen Weg von Martigny nach Orsières in einer Kutsche fort und von dort zu Fuss. Bei der Kantine von Bordon verließ mich mein Meister, es schneite, und in der Todeskumme (Combe des morts) glitt ich vor Müdigkeit in eine Grube und schlief ein. Barry war mein Retter, indem er mich durch Lecken weckte. Bald darauf kam Chorherr Fabian Melly, der mich zum Hospiz führte. Ich war gerettet. Dank dem braven Hunde.» (Es folgt die Unterschrift). Es ist überflüssig, sich der Parabeln zu bedienen, der Ruhm dieser Hunde ist mehr als verdient.
Es ist nichts bekannt von ihrer Ankunft im Hospiz, noch woher sie kommen. Im Jahre 1650 erscheinen sie zum ersten Mal auf einem Gemälde, das Salvatore Rosa zugeschrieben wird, aber nichts hin­dert zu glauben. dass sie schon seit geraumer Zeit da waren. Nach Einen kommen sie aus einer Kreuzung einheimischer Hunde mit einer englischen Dogge oder einer dänischen. Nach Andern sind sie asiatischen Ursprungs, schon in alter Zeit eingeführt. Jetzt ge­hören sie gewiss dem Lande an und es ist zu wünschen, dass sie auch für andere Aufgaben brauchbar sind.
«Symbol der Freundschaft und der Aufopferung steigen sie im Sommer auf den Pass und erinnern so die Besucher an ihre glor­reiche Vergangenheit».


Das Leben heute
Bereits seit der Gründungszeit durch den heiligen Bernhard, erstreckte sich die Tätigkeit der Chorherren auf beiden Seiten des Passes hinunter. Die umliegenden Pfarreien wurden von ihnen be­treut. Heute noch betätigen sich «die Söhne des heiligen Bern­hard» in dieser Gegend. In der Diözese Sitten (Wallis) betreuen sie ein Dutzend Pfarreien. Aber ihre Vorliebe gilt der Bergwelt. Das anfangs des 19. Jahrhun­derts erbaute Hospiz auf dem Simplon Pass hat die gleiche Aufga­be wie das Hospiz auf dem Grossen Sankt Bernhard.
Die ersten Missionare der Kongregation wirkten im gebirgigen Tibet, das sie 1952 durch den kommunistischen Einfall verlassen mussten. Heute wirken die Missionare in der Bergbevölkerung von Taiwan.
Das Hospiz vom Grossen Sankt Bernhard bleibt das Herz des Or­dens. Wohl hat sich im Laufe der Jahrhunderte vieles geändert. Es wird immer seltener, dass man den Bergwanderern zu Hilfe eilen muss. Die Einrichtung des Telefons im Jahre 1887, der Bau des Simplon-Tunnels im Jahre 1906, vor allem aber des Sankt Bern­hardtunnels im Jahre 1964 haben nach und nach die gefährliche Überschreitung dieser Pässe und die Zahl der Unfälle vermindert. Sonderbarerweise aber sucht gerade der heutige gehetzte Mensch wieder die Stille, das Gebet und die Geborgenheit dieser beiden Hospize.
Selbstverständlich sind auch wir heute Nutznießer der Technik: Zentralheizung seit 1911, Stromversorgung, Kühlanlagen. Dank der Autostrasse bis zum Tunneleingang. der guten Skiausrüstung, wird der Aufstieg erleichtert.
Während der langen Wintermonate bleibt das Hospiz ein Zu­fluchtsort für die heutige unruhige Welt. Durch die Abgeschlossen­heit von der Außenwelt, die Stille und Ruhe, durch den lebendigen Kontakt mit der Bergwelt und auch durch die körperliche Anstrengung und den Abbruch mit den täglichen Mühen und Sorgen, wird das Hospiz zu einem privilegierten Ort, wo man zu sich selber, zu den Mitmenschen und zu Gott kommen kann. Das Hospiz hat noch nie so viele nach Stille und Ruhe suchende Menschen beher­bergt, wie gerade heute. Viele kommen übers Wochenende. Über Weihnachten und Ostern bleiben viele für eine Woche und länger.
Die Klostergemeinschaft empfängt mit besonderer Freude zahlrei­che Jugendgruppen für Einkehrtage oder Exerzitien.
Im Sommer, derweil die Hotels offen sind, wird vor allem Minder­bemittelten, Jugendgruppen und Wallfahrern Unterkunft gewährt. Die Klostergemeinschaft bemüht sich, die zahlreichen Touristen freundlich zu empfangen, ihnen während der kurzen Zeit ihrer Durchreise Sinn und Bedeutung des Hospizes näher zu bringen: nämlich ein Haus Gottes und der Freundschaft.

Die Klosterkirche
wurde im 17. Jahrhundert gebaut und am 31. Juli 1689 eingeweiht. Der Hochaltar ist der Aufnahme Mariens in den Himmel geweiht. Im Schiff befinden sich noch weitere vier Altäre: Altar des Il. Au­gustin. des hl. Bernhard, des hl. Joseph und der Mutter Gottes von Jasna Gora. Das aus Nussbaumholz geschnitzte Chorgestühl hat einen künstlerisch hohen Wert. Die Chorherrenstühle stammen aus 1687. der mittlere Teil 1733 und 1793. Die Kredenztische sind aus dem 19. Jahrhundert. Das einmalig schöne Deckengewölbe mit den wun­derschönen Barockfresken, renoviert in den Jahren 1977-1980, er­strahlt heute wieder in seinem ursprünglichen Glanz. Bemerkenswert ist auch die in ihrer ursprünglichen Form (1812) re­novierte Orgel.

Die Krypta
ist ausschließlich der Stille. Ruhe. Sammlung und dem Gebet vor­behalten. Sie befindet sich unter der Klosterkirche. deren Funda­ment sie bildet. Die Krypta hat eine Länge von 20 Metern. Ihr so­lides Gewölbe stammt aus dem 13. Jahrhundert. Die Krypta ge­nügt im Winter als Gebetsraum.

Das Museum
bietet eine Fülle von Dokumentation: die Tiere der Gegend, eine reiche Sammlung von Schmetterlingen, Andenken an Napoleon und seine heldenhafte Alpenreise, Mineralogie. die Münzen der Schweizer Kantone, des sardischen Reiches, Frankreichs und der päpstlichen Staaten. Die alte Geschichte behauptet den Ehren­platz. Einige Stücke aus der Bronzezeit. 552 gallische Münzen, 1800 aus der römischen Republik, und 1500 aus der Kaiserzeit. Es ist bemerkenswert, dass diese Serie die vollständige Liste der Kai­ser, Usurpatoren und derer bietet, die nur kurze Zeit oder nur über einen Teil des Reiches regierten. Neben den Geldstücken finden wir Votivtafeln und Statuetten. von denen einige große Werte dar­stellen.
Eine Tonbildschau sowie eine Foto-Ausstellung geben jedem In­teressierten eine genauere Ubersicht über das Leben im Kloster und die Spiritualität der Gemeinschaft. Die Chorherren stehen fra­genden Menschen immer zur Verfügung.